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Barbara Bertolini

Sterntaler in der Pension auch für die nächsten Generationen

04. Oktober 2016 | 08:36 Autor: WIRTSCHAFTSZEIT Österreich, Wien

Wien (A) Am 19. Oktober 2016 findet in Wien der internationale Institutionelle Altersvorsorge Herbstdialog statt. Spitzenvertreter des EU-Parlaments, aus der institutionellen Kapitalanlagewelt, Wirtschaft, Wissenschaft, den Fachverbänden und aus der Politik werden unter dem Motto „Pensionsvorsorge am Wendepunkt“ über das brisante Thema Altersvorsorge und deren Finanzierung debattieren.

Der Dialog ist bereits eine Fortsetzung des im Frühsommer stattgefundenen Institutionellen Altersvorsorge- und Investorengipfels. Die damals besprochenen Themen gehen nun in die nächste Runde. Der Diskurs geht dabei ins Detail, mit klarem Ziel erster konkreter Arbeitsergebnisse.

Die Initiatorin des Forums, Barbara Bertolini, stand WIRTSCHAFTSZeit für ein Exklusivinterview zur Verfügung.

Frau Bertolini, mit Ihrem Forum verknüpfen Sie Rentenpolitik mit Institutioneller Kapitalanlage. Was ist Ihr Beweggrund?
Die Initialzündung begründet sich schlichtweg dem uns vorliegenden Narrativ eines stabilen Rentensystems. Die Zeiten als der Generationenvertrag noch funktionierte – respektive unter Karl Renner oder unter Theodor Körner – sind schon längst überholt. Man braucht nicht im Leistungskurs Mathematik gewesen sein, um ausrechnen zu können, das die Gegenwartsproduktivität der Jungen nicht mehr ausreichen wird, um die Pensionisten zu erhalten. Die demographische Entwicklung hat den jahrzehntelangen paritätischen Finanzierungskonsens geradezu implodieren lassen. Dahingehend ist es für mich nur schwer nachzuvollziehen, das den kommenden Generationen bei Pensionsantritt automatisch noch ausreichend die Sterntaler in den Schoß fallen werden.

Aber beschäftigt sich nicht auch schon die Politik damit? Ebenso wird es bereits von den Medien thematisiert.
Es freut mich sehr, dass dieses Thema von den Medien immer wieder aufgegriffen wird. Auch ist es bereits punktuell in der Politik angekommen. Allerdings wird der Thematik und den Schritten dahinter, um erforderliche Reformen tatsächlich durchzusetzen, nur mit angezogener Handbremse Beachtung geschenkt. Es reicht auch nicht, das Thema plakativ ins Schaufenster zu stellen. Vor Politikern, die sich dem Thema bereits stellen, ziehe ich meinen Hut. Das ist übrigens auch einer der Gründe, weshalb ich jährlich beim Institutionellen Altersvorsorge- und Investorengipfel den „Award für Zukunftssicherung“ an Politiker vergebe, die sich diesem Thema annehmen und mit Reformvorschlägen beweisen, dass sie es ernst meinen.

Glauben Sie, den Menschen sind die zukünftigen finanziellen Engpässen in ihrer Pension bewusst?
Ich persönlich habe den Eindruck, dass für viele – insbesondere junge - Menschen das Schlagwort Altersarmut nicht wirklich greifbar ist.  Daher möchte ich es neu formulieren. Die Grundmelodie soll sein, den Wohlstand zu erhalten. Schafft es jeder von uns den Wohlstand der Gegenwart auch in der Pension zu bewahren, haben wir damit schon viel gewonnen. Ein herauszustreichender Nebeneffekt: Wohlstand und das Wohlbefinden eines jeden von uns hat auch insgesamt enorme Auswirkungen auf die zukünftige Prosperität Österreichs oder auch auf jedes Land, welches sich mit diesem Thema eingehend beschäftigt und vorausschauend handelt.

In Österreich haben wir ein 3-Säulen-System. Sie haben mit Ihrem Forum die 2. Säule, also die betriebliche Vorsorge, in den Fokus genommen. Warum das?
Grundsätzlich möchte ich festhalten und betonen, dass alle drei Säulen gleichermaßen Beachtung finden sollen. Eine Sozialpartnerschaft zwischen Staat und Betrieb, also zwischen erster und zweiter Säule, wäre ein neues Narrativ und könnte sich als „Wohlstand für alle“ etablieren.

Der ehemalige Bundesminister für Soziales, Rudolf Hundstorfer betont immer wieder, dass es seitens Staat auf Jahrzehnte hinaus noch ausreichend Pensionen geben und das Umlageverfahren ohne Einbußen aufrecht bleiben wird.
Ich finde bei diesem Thema ist weder Platz für einen Bauernstreit noch für ein politisches Armdrücken. Hier sollten auch keine Traditionalisten gegen Reformer kämpfen und umgekehrt. Tatsache ist, dass der betrieblichen Altersvorsorge leider noch immer zu wenig Beachtung geschenkt wird. So kann ich auch nur Befürworten, dass der Fachverband der Österreichischen Pensionskassen in die Offensive geht und in den nächsten fünf Jahren den Anteil der Beschäftigten mit Anspruch auf eine Pensionskassenpension von derzeit 23 Prozent auf 50 Prozent steigern möchte.

Wie soll das erreicht werden?
Beispielsweise schlägt der Fachverband das sogenannte Opting-out-Modell vor. In den Kollektivverträgen könnten die Arbeitnehmer automatisch in die betriebliche Altersvorsorge einbezogen werden, aber natürlich auch auf Wunsch austreten. Entscheidet sich der Arbeitnehmer für das Letztere, erhält er ein höheres Gehalt, von welchem allerdings wiederum Steuern und Sozialversicherungsbeiträge abgezogen werden. Diese Abgaben würden bei Einbezahlung in die Pensionskasse nicht anfallen. Eine Besteuerung fällt erst in der Pension an.

Steuern sind demnach trotzdem zu zahlen…
Da gebe ich Ihnen recht. Dieser Aspekt versetzt einen im ersten Moment nicht wirklich in Champagnerlaune. Aber auch hier wird derzeit debattiert, Vergünstigungen zu erreichen. So fordert der Obmann des österreichischen Pensionskassenverbandes, Mag. Andreas Zakostelsky, das künftig Arbeitgeber und Arbeitnehmer in Summe bis zu zehn Prozent der Lohnsumme von der Steuer absetzen können. Des Weiteren soll – wie in unserem Nachbarland Deutschland – ein Langzeitkonto eingeführt werden. Hierauf kann die Auszahlung der Überstunden übertragen werden. Das Geld könnte dann für die Pension herangezogen werden.

Wie viele Pensionisten erhalten derzeit eine Pension aus einer betrieblichen Pensionskasse?
In Österreich haben wir einerseits die Pensionskassen mit einem verwalteten Vermögen von rund 20 Milliarden Euro. Davon haben knapp 90.000 Pensionisten mit einem durchschnittlichen Betrag von 490 Euro im Monat einen Anspruch darauf. Darüber hinaus gibt es noch die betrieblichen Kollektivversicherungen mit einem Asset under Management von rund 840 Millionen Euro. Hier werden anfangs etwas niedrigere Pensionen ausbezahlt – dafür aber garantiert. Die Vorsorgekassen konnten seit 2003, also seit dies für Dienstverträge die ab dem Jahr 2003 abgeschlossen wurden verpflichtend ist, bereits einen Kapitalstock von über 8 Milliarden Euro aufbauen. Diese Abfertigung kann sich der Arbeitnehmer ebenso als Zusatzpension auszahlen lassen.

Aber haben die Pensionskassen nicht mit dem Niedrigzinsumfeld und in diesem Zusammenhang mit Laufenden Pensionskürzungen zu kämpfen?
Der jährliche Ertrag liegt seit 1991 bei knapp 5,6 Prozent. Natürlich ist eine gewisse Abhängigkeit von den Finanzmärkten gegeben. Allerdings wurde insbesondere seit dem Ausbruch der Finanzkrise viel getan, um hier auch weiterhin eine anständige Rendite zu generieren. Die Abteilungen für Risikomanagement wurden beispielsweise enorm ausgebaut. Auch seitens der behördlichen Aufsicht wurden neue und strengere regulatorische Rahmenbedingungen geschaffen.  

Die Abhängigkeit vom Finanzmarkt bleibt aber trotzdem…
Jedes System hat seine Achillesferse oder weist zumindest fragile Punkte auf. Das heißt aber nicht, dass man deshalb gleich die Nägel in den Sarg hämmern muss. Vergessen wir nicht, dass es beim umlagefinanzierten System gleichermaßen Abhängigkeiten gibt: Auch hier sind die zukünftigen Pensionisten davon abhängig, ob genügend Nachkommen da sein werden, die eigentlich für eine fortlaufende Finanzierung einstehen sollten. Ich persönlich sehe derzeit keinen Trend der in Richtung Familie mit vier bis fünf Kindern geht. Auch bei der privaten Vorsorge, kann niemand bei Abschluss seines privaten Pensionsvorsorgevertrages sagen, ob er nicht innerhalb dieser 20 oder 30 Jahre, das Geld aufgrund eines finanziellen Engpasses, wie beispielsweise aufgrund von Arbeitslosigkeit, Karenz oder aufgrund langer Krankheit, herausnehmen muss. Und genau deshalb sind wie bereits gesagt, alle drei Säulen wichtig.

Die Zinsen infolge der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank sind so niedrig wie nie zuvor. Eine Erhöhung ist nicht in Sicht…
Wir werden uns beim Institutionellen Altersvorsorge Herbstdialog auch dieser Frage stellen, wie sich eine Gesellschaft entwickelt, wenn ein zentraler Mechanismus ausfällt oder sich in sein Gegenteil verkehrt. Wir werden über Szenarien sprechen wie sowohl für die betrieblichen Pensions- und Vorsorgekassen, als auch für die Versicherungen es künftig aussehen würde, wenn die Zinsen anhaltend niedrig bei einem Nullzinsniveau verharren. Wir werden auch über Lösungswege in Bezug auf Negativzinsen sprechen. Dazu werden uns einerseits Entscheidungsträger großer, etablierter europäischer Pensionskassen über ihre Ansätze und Erfahrungen berichten, andererseits werden uns auch ausgewählte und am Markt anerkannte Exponenten der Kapitalanlagewelt wie beispielsweise Fidelity, Pimco oder auch der Spezialfondsmanager AviaRent Unterstützung bieten und uns ihre Fachkenntnis zur Verfügung stellen.  

Wie zuversichtlich sind Sie, dass die nächsten Generationen ihren Wohlstand erhalten können?
In der Tat, es sind noch einige schwere Klippen in diesem Land zu umschiffen und es wird noch einiges an Pendeldiplomatie erfordern. Aber auch andere Länder wie Schweden, Norwegen und auch Deutschland zeigen uns vor, dass es Wege gibt. Mit einer neuen Basis, wo Staat und Betrieb zusammenarbeiten, könnten wir einen neuen Prozess einläuten. Nur so kann das verlorene Vertrauen in eine visionäre Kraft hin korrigiert werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Hinweis der Redaktion: Einen Rückblick vom Gipfeltreffen 2016 und Informationen des Gipfeltreffens 2017 sowie mehr über die Agenda des Institutionellen Altersvorsorge Herbstdialoges finden Sie auf www.barbarabertolini.com

Mehr zum Institutionelle Altersvorsorge Herbstdialob am 19. Oktober 2016 finden Sie hier.

    Barbara Bertolini – Special Public Affairs und Konferenzen

    Hutweidengasse 6/6, 1190 Wien, Österreich
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