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Alfred Gusenbauer, Susanne Kalss (WU Wien) & Herbert Ortner (B&C Privatstiftung) (Foto: Cochin Photography/Andreas Kowacsik)

Nachschau | Das war der Österreichische Aufsichtsratstag 2021

06. Juli 2021 | 09:36 Autor: APA-OTS Startseite, Wien

Wien (A) Mit mehr als 300 Teilnehmern diskutierten zahlreiche Experten beim 11. Österreichischen Aufsichtsratstag an der Wirtschaftsuniversität Wien am 5. Juli die Lehren aus dem Krisenjahr 2020 und wie Aufsichtsräte nach der Krise den Unternehmen wieder zum Aufschwung verhelfen können. Die Initiatoren der Veranstaltung Susanne Kalss, WU-Professorin und Leiterin des Instituts für Unternehmensrecht, und Werner H. Hoffmann, Leiter des WU-Instituts für Strategisches Management, konnten u.a. den ehemaligen Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, Vorsitzender des Aufsichtsrats der STRABAG SE, Georg Pölzl, Generaldirektor der Österreichischen Post, Annette Klinger, Familienunternehmerin und Aufsichtsrätin der Internorm-Gruppe, und Herbert Ortner, Vorstandsmitglied der B&C Privatstiftung und Mitglied mehrerer Aufsichtsräte, als Speaker gewinnen.

2020 war für viele Führungsgremien unternehmerisch und strategisch ein sehr herausforderndes Jahr, wenngleich auch einige Negativbeispiele wie der Commerzialbank- oder der Wirecard-Skandal die Schlagzeilen rund um die Aufsichtsratsarbeit geprägt haben. "Gerade diese Bespiele zeigen die Notwendigkeit eines fachlich gut und ausgewogen zusammengesetzten Aufsichtsrats. Ganz entscheidend ist aber die Unabhängigkeit vom Vorstand und Eigenständigkeit der Entscheidungsfindung in diesem Gremium. Nur so kann ein Aufsichtsrat in Zukunft die durchaus hohen Anforderungen, die die Judikatur an die Sorgfaltspflicht des Aufsichtsrats stellt, erfüllen", so Susanne Kalss.

Zeitgleich legte 2020 auch die Grundlage für einige Neuerungen im Aufsichtsratsrecht, wie die Möglichkeit einer virtuellen Versammlung und Beschlussfassung, so Kalss bei der Veranstaltung. Damit gehen aber auch zahlreiche Rechts- und Machtfragen einher. Der seit dem letzten Jahr – zumindest für börsennotierte Unternehmen ­– verpflichtende Vergütungsbericht brachte aber auch einen völligen Kulturwandel für die österreichische Unternehmenspraxis.

Frauenanteil im Aufsichtsrat verdoppelt
"Der Aufsichtsratstag verdeutlicht, dass die Aufsichtsratsarbeit in den letzten Jahren noch fordernder, aber auch professioneller geworden ist. Diversität, Digitalisierung und Nachhaltigkeit stellen aktuelle Herausforderungen dar, deren Bewältigung den Weg zu einer wirksamen Unternehmensaufsicht weist", resümierte Werner H. Hoffmann.

Die von Hoffmann und Thomas Maidorfer (WU Wien) präsentierten Studienergebnisse zur aktuellen Situation der Aufsichtsratsarbeit in Österreich lieferten zudem eine Vielzahl an spannenden Befunden. So ist die Zusammensetzung des Aufsichtsrats zum Beispiel diverser und anforderungsgerechter geworden ist. So hat sich insbesondere der durchschnittliche Frauenanteil im Gremium in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

Auch das Thema Nachhaltigkeit ist stärker in der Unternehmensstrategie verankert und zu einer relevanten Komponente der Aufsichtsratsarbeit geworden. Ebenso ist die Einbindung in die Strategiearbeit in den letzten Jahren intensiviert worden und zunehmend werden neue Formate für die Strategiediskussion zwischen Vorstand und Aufsichtsrat genutzt.

Demgegenüber steht eine Vergütung der Aufsichtsratstätigkeit, die im internationalen Vergleich noch immer gering ausfällt.

Durch Diversität zum unternehmerischen Erfolg
Georg Kopetz, CEO von TTTech, strich zudem Diversität als Schlüsselkriterium für erfolgreiche Unternehmen heraus. Wettbewerbsfähigkeit muss breiter gedacht werden, so Kopetz. Er plädiert dafür, Top-Gremien ethnisch, religiös, kulturell divers zu besetzen. Das gilt auch für den Faktor Gender. Die dadurch entstehende Perspektivenvielfalt wirkt sich auf die unternehmerische Performance aus, erläutert er.

Der Aufsichtsrat leistet daher schon in der Bestellung einen entscheidenden Beitrag, Unternehmen zukunftsorientiert aufzustellen und wettbewerbsfähiger zu machen. Gemeinsam mit der IV bündelt Kopetz daher mit unterschiedlichen Partnern im neu gegründeten Netzwerk Wettbewerbsfähigkeit die Kräfte, um österreichische Führungsgremien vielfältiger aufzustellen.

Aufsichtsratsarbeit: Chancen fördern und Risiken erkennen
Wie der Aufsichtsrat die digitale Transformation effizient begleiten kann und wie sich dadurch die Zusammenarbeit mit dem Vorstand verändert, dazu referierten und diskutierten Georg Pölzl, Vorstandsvorsitzender und Generaldirektor der Österreichischen Post, und Edith Hlawati, Vorsitzende des Aufsichtsrats der Österreichischen Post:

Der Aufsichtsrat muss, so die beiden Vortragenden, in schwierigen Zeit Aufsicht und Rat geben, Prozesse aktiv begleiten, Risiken frühzeitig erkennen und Chancen fördern. Gerade bei der Post hat sich das Geschäftsmodell durch die Corona-Pandemie verändert – vom Brief- zum Paketgeschäft. Um hier zu reüssieren, war und ist auch das Zusammenspiel von Aufsichtsrat und Vorstand essenziell.

Folgende Faktoren bestimmen dabei das erfolgreiche Miteinander: Offene und transparente Kommunikation, die Zusammensetzung und Kompetenz der Gremien, regelmäßiger Austausch und Interaktion sowie der Fokus auf effiziente Entscheidungsfindung und große Linien, so Pölzl und Hlawati.

Aufsichtsräte verstärkt in Strategie und Planung involviert
Alfred Gusenbauer, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Strabag SE, Signa Prime und Signa Development AG, diskutierte beim Aufsichtsratstag 2021, welche Wirkungsmacht und Gestaltungsmöglichkeiten der Aufsichtsratsvorsitzende in international tätigen Unternehmen tatsächlich besitzt.

Engagierte und gute Aufsichtsräte sind in den letzten drei bis vier Jahren bedeutend einflussreicher und wichtiger als in der Vergangenheit geworden. Die Zeit der Aufsichtsräte ist gekommen, die Zeit ihrer adäquaten Bezahlung wird noch dauern, so sein Resümee.

Gusenbauer ging in der Diskussion vor allem auf die Rolle Europas in der globalen Welt ein. Sein Befund: Europa braucht eine Krise, um zu handeln – und meistert sie mit pragmatischen Lösungen. Dennoch: Relevante Technologien und Innovationen stammen zumeist aus den USA, es sei daher schon lange angebracht gewesen, das Gewicht Europas im internationalen Umfeld zu stärken. Europa soll aber nicht nur schlecht geredet werden – die so rasch entwickelten Impfstoffe sind ein eindrückliches Beispiel.

Begleitfunktion in volatilen Phasen
Zu guter Letzt gaben Anette Klinger, Geschäftsführung IFN Beteiligungs GmbH (Internorm), Herbert Ortner, Vorstandsmitglied B&C Privatstiftung, und Herbert Kasser, Sektionsschef und Generalsekretär im BMK, einen Einblick, was Unternehmen für die nächsten zehn Jahre stark macht und wie der Aufsichtsrat hier einzubinden ist.

Ortner verwies auf das Planen von Szenarien, um Unternehmen in einem volatilen Umfeld fit für die Zukunft zu machen. Unerlässlich ist dabei, den Aufsichtsrat mit erfahrenen und kompetenten Experten zu besetzen. Nur so wird das Organ zu einem anerkannten Gesprächspartner. Über seine Kompetenz und den Austausch mit dem Vorstand erzeugt der Aufsichtsrat Wirkung.

Es ist auch die Aufgabe des Aufsichtsrates Geschäftsmodelle zu hinterfragen. Stillstand, so Ortner, sei die größte Gefahr für Unternehmen. Klinger ergänzte, dass der Aufsichtsrat eine Begleitfunktion einnehmen müsse und gefordert ist, gemeinsam mit dem Vorstand auch in Krisenzeiten, auf Basis einer Vielzahl an Unbekannten, ein gemeinsames Bild der Zukunft zu entwickeln.

  • Werner Hoffmann (WU Wien), Susanne Kalss (WU Wien), Herbert Ortner (B&C Privatstiftung) (Foto: Cochic Photography/Andreas Kowacsik)
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