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FH Campus Wien Zukunftsgespräche: Privatsphäre ist mehr als ein Raum.

FH Campus Wien Zukunftsgespräche: Privatsphäre ist mehr als ein Raum

03. Dezember 2019 | 10:11 Autor: APA-OTS Startseite, Wien

Wien (A) Wir leben in einer zunehmend vernetzten und automatisierten Welt, in der neue Technologien immer neue Eingriffe in unsere Privatsphäre ermöglichen. Dass wir dabei die Kontrolle über unsere Daten verlieren, ist für die Technologieexpertin Frederike Kaltheuner nicht die einzige Bedrohung. „Die Gefahr ist wesentlich komplexer und perfider. Fast alles, was wir heute tun, hinterlässt Datenspuren, die – meist ohne unser Wissen und unsere Zustimmung – dazu genutzt werden, uns zu bewerten und Entscheidungen über uns zu treffen. Wir sind von Systemen umgeben, die Annahmen treffen, Rückschlüsse ziehen und darüber urteilen, wer wir sind und wer wir sein werden. Das bedroht weit mehr als nur unsere Privatsphäre“, sagt Kaltheuner. Sie war zu Gast bei den Zukunftsgesprächen der FH Campus Wien und diskutierte mit Judith Haberhauer und Michal Sedlačko über Autonomie, Datengerechtigkeit und in welcher Welt wir künftig leben wollen, wenn es um unsere Privatsphäre geht.

Nichts bleibt privat
Die Digitalisierung hat das Ausmaß der Daten, die gesammelt und analysiert werden können, um ein Vielfaches gesteigert. Viele Menschen glauben immer noch, dass es sich dabei überwiegend um Daten handelt, die sie mehr oder weniger bewusst geteilt haben. „Aber nicht wir geben zu viel über uns preis, mittlerweile werden viel mehr Daten ohne unser Wissen verarbeitet“, räumt Frederike Kaltheuner in ihrer Keynote mit einem weit verbreiteten Missverständnis auf. Es ist längst unmöglich geworden zu kontrollieren, welche Daten gesammelt und mit wem sie geteilt werden: „Die meisten Apps zum Beispiel geben Daten automatisch an Facebook oder Google weiter und wir können dieses Tracking nicht blockieren, weil mobile Betriebssysteme das nicht zulassen.“

Datengerechtigkeit
Unternehmen, aber auch Regierungen greifen auf sehr private Details aus dem Leben von Menschen zu und ziehen daraus Rückschlüsse. Weder wissen die Betroffenen darüber Bescheid noch können sie es verhindern. Das schränkt nicht nur ihre Autonomie ein, es erzeugt auch ein Machtungleichgewicht zwischen Menschen, Unternehmen und Regierungen. Kaltheuner, die bis vor kurzem für die Menschenrechtsorganisation Privacy International tätig war, fordert deshalb künftig mehr Transparenz und Selbstbestimmung und, dass das Recht auf Privatsphäre, das ein Menschenrecht ist, kein Luxus sein darf: „Ich möchte, dass alle Menschen neue Technologien nutzen können, dass sie öffentlich sind und Dinge über sich preisgeben – aber nur dann, wenn sie es wollen und zu ihren Bedingungen.“

Im sozialen Kontext
„Das Thema Privatsphäre ist in der Sozialen Arbeit an sich nichts Neues“, sagt Judith Haberhauer, Expertin für qualitative Sozialforschung an der FH Campus Wien. Soziale Arbeit und Forschung in der Sozialen Arbeit dringen tief in private Lebenswelten ein: „Wir gewinnen oft sehr intime Einblicke in das Leben und Umfeld von Klient*innen und Proband*innen.“ Die Schutz- und Kontrollfunktion Sozialer Arbeit einerseits und das Recht auf Privatsphäre des bzw. der Einzelnen andererseits können da bisweilen in ein Spannungsfeld geraten. Als „Menschenrechtsberuf“ arbeitet Soziale Arbeit in der Praxis mit Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen und für deren Rechte: „Die Digitalisierung bietet uns in diesem Zusammenhang neue Möglichkeiten, die es zu nützen gilt. Sie stellt uns aber auch vor neue Herausforderungen, für die wir erst geeignete Lösungen finden müssen.“

Staat und privat
Für Michal Sedlačko von der FH Campus Wien steht fest: Die Digitalisierung hat den Umgang des Staates mit seinen Bürger*innen verändert. „Die vielfältigen Möglichkeiten der digitalen Datenverarbeitung werden in der öffentlichen Verwaltung oft enthusiastisch umgesetzt. Die Daten wirken verführerisch – oftmals werden sie jedoch ohne kritische Reflexion für Zwecke verwendet, für die sie nicht ursprünglich erhoben wurden. Diese Vorgehensweise macht sie riskant“, so der Experte für Public Management. Weitere Risiken verbergen sich in der Fehlerhaftigkeit der Daten und den daraus gezogenen falschen Rückschlüssen. Diese Probleme treten beispielsweise bei Übernahme der Daten aus älteren Datenbanken auf, wie auch in prädiktiven Algorithmen. Trotzdem ist der Staat – dank Rechtsstaatlichkeit, Subsidiarität, Selbstregulierung und Verhältnismäßigkeit – ein deutlich geringeres Risiko für die Privatsphäre seiner Bürgerinnen und Bürger als die globale Privatwirtschaft, wie Sedlačko abschließend betont.

Zukunftsgespräche
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Zukunftsgespräche der FH Campus Wien diskutieren Expert*innen und Forscher*innen gesellschaftlich, wissenschaftlich, wirtschaftlich und politisch relevante Fragen. Das Thema des Jahres 2019 war die tiefgreifende Veränderung unserer Gesellschaft, ausgelöst durch die fortschreitende Technologisierung und Digitalisierung, und wie sich diese Veränderung auf Bildung als auch auf unsere Privatsphäre auswirkt

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